Abschied aus Wien

Es ist Mitte November, die Stadt eingehüllt in eine dichte Wolkendecke, und ich genieße die paar Regentropfen und den angenehm warmen Wind auf meinem Gesicht. Ein letzter Blick zurück, Reisepass und Flugplan in der Hand, kann ich es kaum glauben, dass nach den langen Monaten an Vorbereitungen meine Reise tatsächlich beginnt.  Angekommen am Flughafen Wien schiebt mir am Check-In Schalter eine freundliche Dame lächelnd mein Ticket entgegen: Wien – Paris – Hongkong – Melbourne – Christchurch.
Während ich vor meinem Gate eine letzte Schokoladentorte esse und mich telefonisch von Freunden und Familie verabschiede, wird mein eigenes Lächeln immer breiter, denn in Gedanken vervollständige ich die Liste:

Wien – Paris – Hongkong – Melbourne – Christchurch – Terra Nova Bay – Concordia, Dome C.
Mein Zuhause für das nächste Jahr. Das Abenteuer kann beginnen.

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es geht los! Foto C. Possnig

Am Flughafen in Paris stellt sich die erste Hürde – einer hastig geschriebenen SMS nach soll ich meine französischen Crewkollegen dort treffen, allerdings in der Eingangshalle. Ich muss also raus aus dem Gatebereich und irgendwie zurück zu den Check-In Schaltern. Soweit so gut, nur sind diese scheinbar in einem anderen Gebäude. Wie geplant verirre ich mich innerhalb von Minuten und finde mich stattdessen hinter einem Security Check wieder. Dort stehe ich einigermaßen verwirrt und starre auf diverse Wegbeschilderungen, keines von welchen mich in ansatzweise die richtige Richtung weist. Ich versuche, einen Flughafenangestellten ausfindig zu machen, diese scheinen aber alle schwer beschäftigt zu sein. Ein Securitybeamter in Begleitung eines humorlos aussehenden Hundes hingegen beäugt mich mit zunehmendem Misstrauen, sodass ich schließlich den Rückweg antrete, ohnehin die einzig mögliche Richtung. Eine Wegkreuzung deutet vage auf die Möglichkeit eines Ausgangs an, und ich finde mich vor einer sehr inoffiziell aussehenden Notausgangstür wieder. Inzwischen dezent genervt von der eigenen Orientierungslosigkeit, sinniere ich darüber, dass es vermutlich kein besonders guter Plan ist, auf einem Flughafen Türen zu öffnen, die eindeutig nicht geöffnet werden wollen. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich bereits 10 Minuten zu spät bin, während ich leise fluchend umdrehe. Netterweise kommt mir eine junge Frau in offiziell wirkender Kleidung entgegen. Ich halte ihr mein Ticket unter die Nase und erkläre ihr mit leicht frenetischem Blick in kreativem Französisch wo ich hinwill. Sie starrt, diskret verwirrt, aber mein Gesichtsausdruck scheint verzweifelt genug – mit einem Lächeln öffnet sie die Tür und führt mich durch endlose leere Gänge, vorbei an diversen ernst aussehenden Securitys, die scheinbar wahllos herumstehen und jedes Mal verdächtig nah am Lachen sind, wenn ihnen meine Begleiterin mein Anliegen erklärt. Relativ erleichtert finde ich mich schließlich in der Check-In Halle wieder, man ruft mir „Bonne chance!“ nach und ein kurzes Telefonat später sehe ich in der Ferne meine fünf französischen Kollegen auftauchen.
Auf ihren Gesichtern spiegelt sich meine Begeisterung. Viviane, die hier ist um uns zu verabschieden und sich in den letzten Wochen um so ziemlich alles Organisatorische gekümmert hat, drückt jedem einen dicken Umschlag mit diversen Dokumenten in die Hand: „Die werdet ihr brauchen, um bis in die Antarktis zu kommen.“ Sie umarmt jeden von uns, wünscht uns Glück, und als wir uns auf der Rolltreppe umdrehen, um ihr zu winken, bemerke ich beim näheren Hinsehen, dass einige meiner Kollegen besorgte Gesichter zu haben scheinen. War es die richtige Entscheidung, ein Jahr mit zwölf praktisch fremden Menschen inmitten der antarktischen Isolation zu verbringen? Doch die Rolltreppe endet, der Moment vergeht, jemand macht einen Witz, alle lachen erleichtert, und wir sind voller Vorfreude auf das, was uns erwartet, was auch immer es sein mag.

 

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