In den Süden: Ankunft in Dome C

Der nächste Flug geht nach Mario Zucchelli, die italienische Sommer-Station an der Küste, mit Blick auf Mount Melbourne, in der Terra Nova Bay. Dorthin bringt uns ein robust aussehendes Frachtflugzeug: eine interessante Erfahrung, sehr wenige sehr kleine Fenster auf Fußhöhe, umgeben von Massen an Kisten und Survivalequipment, das Ganze innen irrsinnig hoch (was gut ist, weil von der Decke definitiv zu viele Kabel runterhängen). Hier ist nicht nur meine Crew, sondern auch viel Personal von Stationen an der Küste versammelt.

Stolz kann ich einen Platz in der ersten Reihe ergattern. Ich brauche nicht lange, um das zu bereuen – direkt davor befinden sich die zwei Toiletten, also wirklich direkt davor, ohne unnötige Wände, aber immerhin inklusive Vorhänge die man drüber halten kann wenn man es tatsächlich gar nicht mehr aushält (die meisten habens ausgehalten. Und das über 8 Stunden lang). Ein weiterer Vorteil der ersten Reihe: permanente Aufforderungen, doch mit diversen Kameras ein Foto der näheren Umgebung zu machen.

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im Bauch des Frachtflugzeugs, Coline und ich bereit für den Abflug, Foto R. Bras, © IPEV

Kurz vorm Abflug bekommt dann noch jeder seine eigene Sauerstoffflasche in die Hände gedrückt. Und dringend notwendiges Oropax. Immerhin ist die Tür zum Cockpit immer offen, und wenn es im Frachtraum zu eng wird, setze ich mich nach vorne um den Blick aus dem Cockpit zu genießen und mit den Piloten zu plaudern. Als die antarktische Küste zum ersten Mal am Horizont auftaucht, wird es still im Flugzeug – primär wegen den Ohrstöpseln, dann, weil die meisten Leute eingeschlafen sind – aber auch, weil der Rest von uns sich vor den wenigen Fenstern versammelt und wie verzaubert in die weite weiße Ferne starrt.

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Endlich hier. Foto A. Razeto, © PNRA

In Mario Zucchelli fallen unsere fremden Gesichter sofort auf. Man grüßt uns mit „Bonjour!“ und beim Abendessen ist unsere kleine Gruppe Ziel vieler neugieriger Blicke – wer sind diese Leute, die freiwillig mitten im antarktischen Hochplateau überwintern? Wir genießen unsere ersten antarktischen Momente und die relative Wärme der Küste. Auf einer Anhöhe unweit der Station stehend, starren wir übers Packeis in Richtung Meer und ich werde mir bewusst, dass dies die Küste ist, an der Ross, dann die Discovery und schließlich die Terra Nova und die legendäre Fram entlangfuhren, am Weg in den noch tieferen Süden.

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Mario Zucchelli Station an der Küste, Foto A.Razeto; © PNRA

Nach einer Nacht in Mario Zucchelli, in der Coline und ich es nicht schaffen Herrinnen über die Jalousie unseres Fensters zu werden (das Ding fährt ab 3 Uhr früh geräuschvoll, genüsslich und verlässlich alle 40 Minuten hinauf, woraufhin die nächtliche Sonne uns in die etwas genervten Augen scheint) geht es weiter Richtung Packeis, von wo aus wir (statt mit Schlittenhunden oder Ponies) mit einer kanadischen Basler Richtung Zentrum des Kontinents abfliegen.

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ein erster Kontakt mit antarktischem Packeis, Foto A. Razeto, © PNRA

Hier sind wir nur noch die 10 Überwinterer, aber auch hier sitzen wir etwas gedrängt neben diverser Fracht sowie sämtlichen unseren Gepäckstücken. In der Basler ist der Druckausgleich eher weniger gut gelungen, was bei dem Überfliegen antarktischer Bergketten zu ersten Hypoxieerfahrungen bei einigen Teammitgliedern führt. Aber auch hier gibts Sauerstoff für alle! Und auch hier darf man ins Cockpit, diesmal mit zwei sehr gesprächigen Canadiern besetzt die den ganzen antarktischen Sommer in der Gegend verbringen und Leute von Station zu Station fliegen.

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im Cockpit der kanadischen Basler; Foto C. Possnig, © ESA/IPEV

Die Ost-Antarktis überfliegend sehen wir faszinierende Berglandschaften, die bald unendlich scheinenden Eisfeldern mit bizarren Schneeformationen weichen: das antarktische Hochplateau, die Ostantarktis, die kälteste Gegend, die dieser Planet zu bieten hat. Unser neues Zuhause. Irgendwann friert dann (von innen) das Fenster ein und man sieht nur noch für ca 40 Sekunden was – nachdem man das Eis mit einer der Mini-Nutellaverpackung aufgekratzt hat.

An unserem Zielort landen wir Dank der Kufen sehr sanft. Es folgt eine allgemeine Verwirrung wem welche Jacke gehört, und dann stehen wir plötzlich das erste Mal auf Dome C.
Der erste Schritt auf dem Schnee ist ein seltsames Gefühl. Es fühlt sich anders an als der Schnee zuhause, meine Stiefel bringen ein trocken-quietschendes Geräusch hervor und die freundlichen -37°C lassen die Nasenhaare akut gefrieren.
Plötzlich sind wir von Leuten umringt die wundersamerweise alle unsere Namen kennen und uns glücklich umarmen, Fotos schießen und uns das Gepäck aus den Händen nehmen. Die wenigen Stiegen zum Eingang der Station sind erstaunlich anstrengend (Hallo, 3800m!), und kurz danach sitzen wir alle in Thermosunterwäsche im Wohnzimmer mit einer Tasse Tee in der Hand. Willkommen in Concordia.

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Concordia, Foto A. Razeto, © PNRA

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