Der kälteste Winter, den ich je erlebte…

… war ein Sommer in der Antarktis. (frei nach Mark Twain)

(zugegebenermaßen kann ich das nur wenige Monate später nicht mehr wahrheitsgemäß behaupten)

Ein Sommer in der Antarktis ist bereits eine außergewöhnliche Erfahrung. Unsere Station, gedacht für ca. 16 Leute, ist mit zeitweise bis zu 72 Leuten besiedelt (was noch wenig sei, wie man mir erklärt). Zusätzliche Schlafplätze gibt’s im nahe gelegenen Summer Camp oder in Zelten. Während den Essenszeiten merkt man, wie viele Leute tatsächlich hier sind, im Wohnzimmer muss man sich einen Sitzplatz erkämpfen, wenn man seinen Espresso genießen möchte. Der Lärmpegel ist ebenfalls entsprechend hoch, französisch und italienisch mischen sich in meinen Ohren, dazu kommt das Klackern des Tischfußballs und zeitweise wilde Musik.

Mein Labor liegt im dritten Stock des ruhigen Turms, dort ist es im Gegensatz dazu demenstprechend ruhiger. Das Flowzytometer summt glücklich vor sich hin, das Wasserbad blubbert freundlich, sämtliche Sprachen verwandeln sich in ein Hintergrundgeräusch, der perfekte Rückzugsort.

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Im Labor bei der Wasseranalyse; Foto C.Verseux, © PNRA/IPEV

Der Sommer mit den täglichen 24 Stunden Sonnenschein, den vergleichsweise milden Temperaturen (-20° bis -40°C) und dem lebenslustigen Treiben ist einerseits eine tolle Zeit: es liegt Begeisterung in der Luft, alles ist neu und unbekannt, jeder hat viel Arbeit, aber diese macht Spaß. Von zweien meiner Experimente sind die Verantwortlichen aus Europa angereist, um mich einzuschulen im Handling der Laborarbeit und dem Soyuzsimulator.

Manche Tage aber sind anstrengend und mühsam: Von den 72 Leuten sind, zu guten Zeiten, 10% weiblich, davon vielleicht die Hälfte jüngeren Alters. Und das ist deutlich spürbar, und scheinbar ein antarktisches Phänomen: es gibt Tage, da starren einige Leute, als hätten sie in ihrem Leben noch keine weibliche Kreatur gesehen; Tage, an denen das Verhalten einiger zurückkehrt zu primitiven Ursprüngen, und die Tatsache, dass es nur so wenige Zielpersonen gibt, macht das nur intensiver, die Aufmerksamkeiten sind dementsprechend fokussiert. Dank der Rarität ist hier jeder dreimal so attraktiv, wie wir es noch vor wenigen Wochen in den Straßen Europas waren (die sogenannte „Antarctic 10“, geschlechterunspezifisch). Zusätzlich ist die unglaubliche Umgebung hier ein weiterer Faktor – die meisten von uns verlieben sich, natürlicherweise, in die Antarktis. Nur: „By walks someone of the opposite gender – and you attribute your feelings of excitement for Antarctica to this random person“.
Das Problem wird nicht geringer Dank der Tatsache, dass ein paar dieser Zielpersonen das ganze Theater sehr genießen, was auch dem zeitweise hier herrschenden Frauenbild nicht hilft.
Zusätzlich dazu hat das den Effekt, dass es durchaus schwierig ist, sich als Frau hier mit Hilfe von intelligenten Argumenten durchsetzen zu können. Wenn man dann jemanden, der sich in einer Machtposition wähnt, erklärt, dass er Unrecht hat (freundlich ausgedrückt), kommt zusätzlich noch die gegenseitige Frustration hinzu, dass man sich vielleicht nicht hundertprozentig versteht (gutes Englisch ist hier eher rar).

Natürlich verhalten sich nicht alle hier Anwesenden so: viele sind freundlich und unterstützend und auch von meinem Winterover Team kommt primär Rückendeckung, und nachdem ich ja mit diesen die harten Wintermonate hier verbringen muss, ist das das Wichtigste. Es lässt uns auch schon im Sommer zu einem Team zusammenwachsen, und optimistisch die lange Dunkelheit erwarten.

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Um der Hektik der Station zu entkommen schließt man sich am besten Expeditionen an: um ein Projekt der Computer Scientists zu erreichen fahren wir mit zwei Pistenbullis und vielen Schaufeln ein paar Stunden durch die Gegend, bis die Station ein winziger Punkt am Horizont ist. Das Ausgraben der Instrumente hält uns den Nachmittag über angenehm warm. Foto C.Possnig, ©ESA/IPEV

Zum Schluss dann, am Ende der Woche, ist man wieder freundlich und es wird sich gegenseitig entschuldigt, und Differenzen begraben mit dem Wissen, dass man doch noch einige Zeit miteinander auskommen muss.

Die Wochenenden sind dringend nötig zur Erholung. Einmal wird getanzt in der Spacca Ossa (dem free times tent etwas von der Station entfernt), dann wieder gibt es einen gemütlichen Crepes und Cider Abend im Zelt der Glaziologen.
Die Partys wirken intensiver und ausgelassener als wir sie in Europa gefeiert hätten – vielleicht liegt es an der wilden Umgebung, vielleicht an dem Drang, loszulassen und die Hektik der Woche zu vergessen. Vielleicht auch an dem Sauerstoffmangel, der das Tanzen deutlich anstrengender macht.

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Silvester in der Spacca Ossa, Foto A.Razeto, ©PNRA

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