Ein typischer Tag

Ein typischer Tag sieht für jeden von uns anders aus. Das Technische Team hat fixe Arbeitszeiten von 8.30 bis 17.30 – und muss jederzeit bereit sein, sollte es ein Problem geben (Wir haben ein Alarmsystem für technische Probleme. Besonders beliebt sind diese Alarme inmitten der Nacht, Dank der Lautstärke sitzen wir alle aufrecht in unseren Betten, sobald einer losgeht. Es erinnert mich stark an das Nachtdiensthandy bei Krankenhausdiensten und ich bin sehr froh, dass ich nach diesen Alarmen einfach wieder einschlafen kann).

Der Workshop, Arbeitsplatz des technischen Teams. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Die Wissenschaftler sind je nach Typ der Arbeit beschäftigt: Unser Gletscherforscher muss täglich hinaus um Schneeflocken zu zählen und Filter zu wechseln. Unser Meteorologe putzt jeden Morgen die Wetterstation und lässt jeden Abend seinen Wetterballon steigen.

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Wetterballon steigen lassen. Foto F. Cali Quaglia ©PNRA

Unser Radio/IT-Spezialist sitzt im Radioroom und kümmert sich um die Aufrechterhaltung der Kommunikation, auf dass niemand verloren geht.

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Der Radioroom, nach Vorlieben der hier arbeitenden Kollegen meistens verdunkelt. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Unser Koch tanzt früh musikhörend durch die Küche und unser Arzt wartet (bisher vergeblich) auf einen medizinischen Notfall. Unser Astronom reinigt täglich seine Teleskope und programmiert die Suche nach Exoplaneten.

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Eines der beiden Teleskope. Foto M. Buttu ©PNRA/IPEV

Mein Arbeitsmonat ist unterteilt in Tage mit Blutabnahmen und Tage mit Soyuzkapsel-Fliegen. An den Blutabnahme-Tagen läutet, je nachdem welchen meiner Teamkollegen ich im Labor treffe, meistens viel zu früh der Wecker. Rundherum sind noch alle anderen Türen zu, meistens bin ich eine der ersten, die aufsteht.

Die Schlafzimmer. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Dann gehts gähnend die Stiegen des ruhigen Turms hinunter, durch den Gang zum lauten Turm – im Gang vor der Eingangstüre ein Blick auf den Monitor, der die derzeitige Wetterlage anzeigt, ungläubiges Kopfschütteln, weiterschlurfen – dann doppelt so viele Stiegen hinauf in den 2. Stock zum Wohnzimmer.

Die Brücke zwischen den Türmen mit der Eingangstüre. Foto M. Buttu ©PNRA/IPEV

Frühstück wird am Esstisch im Wohnzimmer gegessen, die Auswahl ist groß – die meisten essen aber Kekse. Eier werden inzwischen nur noch von den Abenteuerlustigeren von uns genossen – sie sind im Jänner abgelaufen, schmecken aber noch relativ normal, gelagert bei +4°C. Wenn sie auch inzwischen so trocken sind, dass man viel Überredungskraft braucht, um sie aus der Schale zu locken (Eigelb und Eiweiß lassen sich am einfachsten mithilfe einer Schere trennen).

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Antarktisches Frühstück. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Auf der Suche nach der letzten Packung Grapefruitsaft wanke ich schläfrig Richtung Storage Room einen Stock tiefer. Hier treffe ich einen weiteren Frühaufsteher, im Magasin sec auf der Suche nach seinem Lieblingsmüsli.

Das Magasin sec – hier findet man immer wieder verborgene Schätze, mit viel Glück erst seit wenigen Jahren abgelaufen (aber alles noch genießbar). Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Auf dem Rückweg in den ruhigen Turm muss ich hinaus aus der Station, allerdings nur ein paar Schritte: einige Meter hinter der Eingangstüre steht meine Kiste mit der Styroporbox voll Schnee, die ich am Tag zuvor dort platziert habe. Manchmal, wenn man in der Früh als erstes die Türe aufmacht, bekommt man eine Dusche voll Schnee ab, manchmal einen Windstoß der einem den vor kurzen noch warmen Atem nimmt, manchmal brillanter Sonnenschein, manchmal eine weiße Wand.

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Ab und zu ist es etwas apokalyptisch vor unserer Haustüre. Foto C. Verseux ©IPEV/PNRA

Für mich geht es dann zurück in den ruhigen Turm. Hier ist direkt neben meinem Labor das Büro des Station Leaders: hier sitzt Cyprien hinter seinem Computer und schreibt an einem Paper, kümmert sich um Outreach oder macht die Planung für den Geschirr-Abwaschdienst der nächsten Woche. Dieses Büro durchschreitend gelangt man in das von Filippo, unserem Physiker der Atmosphäre. Er sitzt meistens musikhörend vor seinen gefühlten neun Computern und verfolgt den Weg seiner Radiosonden, lernt Deutsch oder Physiologie, und bewacht den Keksvorrat des Stockwerkes.

Filippo im Meteorologielabor. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Zurück in meinem Labor werden die Blutröhrchen weiterverarbeitet.
Jedes dieser Röhrchen möchte anders behandelt werden. Einige wollen auf vorher erwähnten Schnee (diesen muss ich vorher mit Wasser mischen, sonst ist er zu kalt und das Blut friert sofort. Den Fehler macht man auch nur ein einziges Mal.), andere sofort in die Zentrifuge, andere wollen vorher eine Stunde herumstehen, ins 37°C warme Wasserbad, oder so schnell wie möglich auf sechs weitere Röhrchen aufgeteilt werden und mit Antikörpern, Magnetischen Beads, Buffer A-XY, Biopartikeln oder anderen Reagenzien gemischt werden.

Am Ende erhebe ich noch ein Blutbild und einige Blutwerte: Das passiert in unserem Krankenhaus. Dieses ist im ersten Stock des ruhigen Turms, und komplett ausgestattet für etwaige Notfälle. Es gibt einen Operationssaal (mit Videokonferenz-Option in ein Krankenhaus in Rom, sollte Hilfe benötigt werden), einen Zahnarztstuhl, einen Untersuchungsraum mit umfangreicher Apotheke und ein Patientenzimmer.

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Der Operationssaal – hier ausgestattet für einen Filmdreh und dementsprechend kein originales OP-Besteck. Foto A. Razeto ©IPEV/PNRA

Um zwölf Uhr dreißig findet sich die ganze Crew zum Mittagessen im Wohnzimmer ein.

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Marco kocht. Foto M. Buttu ©PNRA/IPEV
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Das Wohnzimmer mit Esstisch und Bibliothek. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Nach dem Essen sitzen wir gemütlich im Wohnzimmer zusammen, trinken Espresso oder Tee, hören Musik oder lesen Bücher oder Comics. Die Italiener sind begeisterte Tischfußballspieler, unser Arzt spielt mit dem Technischen Chef gerne ein italienisches Spiel namens Bolcetta am Billardtisch –  diese stehen im Dining Room – den wir jetzt im Winter zum Spieleraum umgestaltet haben.

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Am Sofa, im Wohnzimmer. Foto M. Buttu ©PNRA

Die Nachmittage sind verschieden: Manchmal gehts zurück ins Labor, weiterarbeiten. Manchmal gehe ich, am Technischen Büro und am Workshop vorbei, in die angrenzenden Container, wo sich die technische Zentrale mit den drei Generatoren sowie die GWTU befinden.

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Florentin (unser Klempner) und ich vor den Recycling-Membranen, mit einer Flasche reines recycelten Concordia-Wassers. Foto C. Verseux ©PNRA/IPEV

Die GWTU (Grey Water Recycling Unit) ist das Recyclingsystem für unser Abwasser. Bis zu 85% des Wassers werden hier gereinigt und wiederverwendet. Das System wurde von ESA entwickelt, als Prototyp für zukünftige Raummissionen. Unser Klempner, Florentin, kümmert sich liebevoll darum. Alle drei Wochen analysiere ich die Qualität des recycelten und des neuen Trinkwassers. Neues Wasser machen wir, relativ einfach, indem wir Schnee schmelzen. Zusätzlich wird mit dem erhitzten Wasser auch die Station geheizt.

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Hier wird Trinkwasser gemacht: Schnee wird aus der Clean Area transportiert und im Fondoir geschmolzen. Foto C. Verseux ©PNRA/IPEV

Nachdem die nachmittägliche Arbeit erledigt ist, haben wir verschiedenste Freizeitbetätigungen zur Auswahl. Manchmal trifft sich unser Schreib-Klub zum gemeinsamen Blogpostschreiben. Manchmal zieht es mich zu meinem E-Piano, und an vier Tagen in der Woche besuche ich gemeinsam mit einem Kollegen den Gym. Wenn uns die diversen Geräte nicht abwechslungsreich genug sind, benutzen wir die Kletterwand, die wir diesen Winter gemeinsam gebaut haben.

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Das erste Klettern an der selbstgebauten Wand. Foto C. Verseux ©IPEV/PNRA
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Für eine Art Olympische Spiele zwischen diversen antarktischen Stationen zeigten wir alle vollen Einsatz im Gym. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Um 19.30 gibt es ein gemeinsames Abendessen – oft treffen wir uns schon früher auf einen Aperitif in der Küche – Marco, unser Koch, freut sich immer über Gesellschaft.

Nach dem Essen werden manchmal Filme geschaut (mit wilden Kombinationen an Sprachen und Untertiteln, je nach Verfügbarkeit), oder es wird am Sofa gelesen, geplaudert oder ein Spiel gespielt.

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Gemeinsames Schokoladeschmelzen für die Ostereier. Foto A. Razeto ©PNRA/IPEV

An Sonntagen gibt es ab und zu die Gelegenheit, unsere Sauna zu benutzen. Diese ist nicht in der Station, sondern draußen in einem der Container. Man muss also, mit Bademantel bekleidet, einige dutzend Meter durch den Schnee, den Wind und die Kälte zu dem Container marschieren. Drinnen ist eine kleine Sauna, wunderbar nach Holz duftend, und nicht selten haben wir dort 90°C – wagt man sich dann vor die Türe hinaus, hat man mitunter einen Temperaturunterschied von 170°C. Im Sommer legten sich die Wagemutigen unter uns noch in den Schnee, um dann zurück zur Sauna zu laufen. Inzwischen gehen wir nur für wenige Augenblicke zur Abkühlung nach draußen, und sind sofort von einer weißen Schneekristallschicht überzogen. Der Entspannungseffekt ist wundervoll, schöner kann man eine Woche hier kaum ausklingen lassen.

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Der Sauna-Container. Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

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