Eis und Schnee

„Radio da Cyprien“
„Avanti, Cyprien “
„Io e Carmen andiamo ad Atmos.“
„Copiato“

-64°C Außentemperatur.
„Es ist wieder nicht richtig kalt,“ murmelt Cyprien während er sein Radio einpackt, den Blick auf die Wetteranzeige gegenüber der Eingangstüre gerichtet. Ich nicke zustimmend. Nachdem wir mindestens -80°C erreichen wollen, geben wir uns mit solchen frühlingshaften -64° nicht zufrieden.

Immer wieder ist es eine Überraschung, wie finster es ist, wenn ich die schwere Türe des Ausgangs öffne. Sobald mein Begleiter sie hinter uns schließt, umgibt uns beinahe völlige Dunkelheit. Das Gefühl ist angenehm und vertraut, trozdemn brauche ich eine Weile, um mich an die beißende Kälte zu gewöhnen. Ein paar Quadratzentimeter um meine Augen sind die einzigen Areale, die ich der Kälte aussetze.

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Schließt man die Augen zu lange, kann man sie Dank zusammengefrorener Wimpern nicht mehr öffnen; Foto C. Verseux, ©PNRA/IPEV

Das Knirschen meiner Stiefel auf dem trockenen Schnee ruft Glücksgefühle hervor. Eine Woche lang hatte ich wenig Möglichkeiten, die Station für längere Zeit zu verlassen, umso schöner ist dieser Wochenendsausflug. Wir gehen um die Station herum, Richtung Atmos (dem Außenlabor der Glaziologen und Meterologen). Der abnehmende Mond ist hell genug, um seltsame Schatten auf den Schnee zu werfen und uns den Weg zu erhellen. Sobald wir uns Richtung Atmos wenden, nimmt mir der eiskalte Wind beinahe den Atem. Es bleibt mir keine Wahl, ich setze meine Maske auf, um auch den Rest meines Gesichtes zu schützen (meine Nase schmerzt noch von der letzten Erfrierung). Das Problem mit der Maske ist, dass man nach wenigen Minuten praktisch blind ist. Sie vereist innen innerhalb kürzester Zeit. Diesmal habe ich ein anderes Problem: irgendwo gibt es einen kleinen Spalt, und der Wind hat ihn gefunden. Neben mir torkelt mein Begleiter über einige Schneeverwehungen und meint schließlich: „Der Wind ist doch ein bisschen frisch heute.“ Ich kann sein breites Grinsen praktisch durch seine zwei Balaklavaschichten sehen und erwidere: „Ja, er kitzelt meine Augäpfel.“ Nach Adjustieren der Maske geht es deutlich besser voran.
Nach ca 20 Minuten streckt Cyprien plötzlich seinen Arm aus – seine übliche Bewegung, um zu verhindern, dass ich wie sonst unelegant gegen seine Schneetische renne. Vier von diesen stehen ein paar hundert Meter von Atmos entfernt und dienen diversen Untersuchungen von Schneeflocken, Schneekristallen, deren Ansammlungen und Verwehungen.

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Im Mai gabs mittags noch Licht am Horizont… Foto C.Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Hier werden die Stirnlampen ausgepackt (setzt man sie früher auf, frieren sie, und das Licht ist aus, bevor man die Tische erreicht). Während der Glaziologe seine Messgeräte bereit stellt, versuche ich auf meinem Clipboard etwas zu erkennen. Als erstes sollte das Wetter beurteilt werden. Sichtweite? Bis zu meinem kleinen Finger, ungefähr. Andererseits sind, den Kopf in den Nacken legend, die Magellan’schen Wolken zu sehen. Hm.

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…im Juli ist es auch zu Mittag finster. Foto C.Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Ich drehe mich nach Cyprien um, der einige Meter entfernt im Schnee sitzt und konzentriert durch eine Lupe auf Eiskristalle starrt. Während ich auf ihn warte und in der Ferne Mars beobachte, glitzert die Luft rundherum: winzige Schneeflocken fliegen um mich, mein Atem wird zu einer dichten weißen Wolke und folgt ihnen. „32cm!“ kommt von hinter mir ein Ruf und ich beginne, die Schneeansammlungen zu notieren.

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Cyprien bei den Tavolas im August-Mittagslicht; im Hintergrund das Atmos Shelter. Foto C.Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Weiter geht es nach Atmos, um Schneeproben zu verstauen und diverse Filter zu wechseln. Atmos ist eines unserer Außenlabore, in diesem Fall eine Ansammlung an Containern auf Stelzen (andere Außenlabore, z.B. Neige oder das Shelter des American Towers, sind ebenfalls Container, allerdings inzwischen völlig unterm Schnee versunken und nur mit bergabführenden Leitern erreichbar). In den meisten Sheltern ist es einigermaßen warm, zumindest über 0°C. Atmos hat in einigen Räumen sogar über 10°C, und ist somit wunderbar geeignet, gefrorene Finger wieder aufzutauen.

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Cyprien wechslet Filter in Atmos. Foto C.Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

In Atmos wird mithilfe diverser Pumpen übers Dach Luft eingesogen und durch viele verschiedene Filter passiert. Diese Filter müssen in unterschiedlichen Abständen gewechselt werden, einige täglich, einige wöchentlich, einige monatlich. Verschiedenste Partikel in der Atmosphäre werden hiermit untersucht.

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Einige der Filter werden täglich gewechselt. Foto C.Verseux ©IPEV/PNRA

Am Rückweg umgibt uns wieder völlige Dunkelheit. Die Station ist zu weit entfernt, um die wenigen erleuchteten Fenster sehen zu können. Sastrugis haben sich mit dem Wind gebildet, man weiß nie, was einem beim nächsten Schritt erwartet – Cyprien sinkt neben mir bis zum Knie im Schnee ein, während ich über einen Hügel stolpere, der hart ist wie Beton. Das Rauschen des Windes, unser schwerer Atem, und ab und zu ein „Ups!“ wenn wir spektatkulär stolpern, sind die einzigen Geräusche weit und breit. Wir bleiben immer wieder stehen, um Luft zu holen, und das Spektakel über uns zu bewundern: Die Milchstraße spannt einen gewaltigen Bogen quer über den Himmel, eine Anzahl an Sternen, die ich nie zuvor gesehen habe. Sternschnuppen fliegen vor unseren Augen, und Mars leuchtet verführerisch nah. Unter all diesen Zaubern der Polarnacht wirkt Concordia tatsächlich wie eine Raumstation auf einem fremden, sonderbaren Planeten, und wir fühlen uns ein bisschen wie Astronauten, als wir in die Wärme der Station zurückkommen und uns aus unsren Anzügen schälen.
„Radio da Carmen, siamo tornati a casa.“

Ein Gedanke zu “Eis und Schnee

  1. Pingback: Ein typischer Tag – Durch die Antarktische Nacht

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