Das Training, Teil 1: Vom Mont Blanc nach Le Conquet

Rechts der Berg, links ein Abgrund, „Vorsichtig, jetzt!“ höre ich Paul, unseren Trainer, rufen. Sehen kann ich nur einen kleinen Ausschnitt des Himmels, Schnee fällt mir ins Gesicht, aber das kann ich nicht verhindern: Ich liege, gut festgeschnallt, auf einer Bergrettungstrage, um mich keuchen vier Leute, die rutschend den Hang entlang meine Trage balancieren. Nach 40 Minuten dieser Erfahrung fühle ich mich bereits leicht seekrank und spüre das Frühstück in meinem Magen revoltieren.

Nachdem ich den Sommer vor meiner Abreise in die Antarktis mit verschiedensten Trainings für meine Experimente verbracht habe, quer durch Europa reisend (Ich lerne, wie ich meine diversen Blutproben weiterverarbeite und richtig analysiere, wie das Flowzytometer zu bedienen ist, und wie man eine Soyuzkapsel steuert), beginnt Mitte September ein weiterer Teil des Trainings: Die zukünftigen Ärzte der französischen Forschungsstationen der subantarktischen Inseln und der Antarktis treffen sich an den Hängen des Mont Blanc zu einer Woche intensivem Training. Nachdem die subantarktischen Inseln (Crozet, Amsterdam, Kerguelen) allesamt recht gebirgig sind, gibt der Mont Blanc die ideale Umgebung, um Bergrettungsszenarien zu testen. Ich darf hier mitmachen, nachdem ich durch ESA auch über IPEV, das französische Polarinstitut, angestellt bin.

Direkt von meinem allerletzten schlaflosen Turnusnachtdienst kommend hüpfe ich in ein Flugzeug nach Genf. Nach einer turbulenten Anreise finde ich mich in einem dunklen, wie ausgestorbenen Chamonix wieder, der Eisregen in Strömen an mir herabtropfend. Ich treffe auf Ivan, einen der Vortragenden, der beruhigender Weise meine Meinung teilt, dass wir erst am nächsten Morgen den Berg besteigen sollten.

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Am Weg zum Mont Blanc, Foto C. Possnig, ©ESA/IPEV/PNRA

Der Morgen dämmert, im Licht der aufgehenden Sonne steigen wir in Richtung des tief verschneiten Mont Blancs. Nach Stunden des glücklichen Dahinstapfens („Gutes Training für die Antarktis!“) erreichen wir schließlich zur Mittagszeit das Refugium (es liegt auf halbem Weg zum Gipfel). Es ist klein und gemütlich, natürlich mit exzellentem Essen (von diesen Torten werde ich noch träumen).
Der Rest der Truppe ist bereits hier: fünf weitere zu trainierende Ärzte (einer jeweils für Crozet, Amsterdam, Dumont d’Urville, zwei für Kerguelen) und einige Vortagende – Notfallmediziner aus Paris, der Mont Blanc Bergrettung, Extremmediziner aller Art.
Seit Monaten habe ich mich auf dieses Training besonders gefreut. Meine Kletterbegeisterung mit Notfallmedizin zu verbinden klingt nach einer wunderbaren Erfahrung und viel neuem Wissen. Theoriestunden folgen Praxiseinheiten, und es wird sichergemacht, dass jeder Handgriff sitzt.

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Rettungen in letzter Sekunde und mit Ausblick; Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Wir retten Leute aus allen möglichen Situationen. Einige von uns klettern todesmutig Klippen hinunter, in der Hoffnung, dass wir sie wieder raufholen würden. Ich werde mithilfe oben genannter Trage mit einem (theoretisch) gebrochenen Fuß durch die Gegend chauffiert.
Des Nachts klettern wir weiter den Berg hinauf, um den Sternenhimmel zu bestaunen. Eine wunderbare Woche, voll mit Geschichten über die Inseln und die Antarktis, und ein Französisch-Crashkurs mit vielen interessanten Leuten.

Von Chamonix geht es direkt in die Bretagne nach Le Conquet. Hier trifft sich das gesamte IPEV-Team, das im Herbst Richtung subantarktische Inseln oder Antarktis aufbrechen wird. Wir sind viele:

Hivernants 2017-2018
Die IPEV Winterovers 2017-2018, ©IPEV

Hier treffe ich auch erstmalig auf den französischsprachigen Teil meiner Crew. Menschen, mit denen ich ein Jahr verbringen werde. Wir finden uns in einer Vortragspause – der Klempner, der Elektrotechniker, der Technische Chef, der Mechaniker, eine Glaziologin, und ich. Schnell stellt sich heraus, dass sie alle kaum Englisch sprechen. Die Woche wird ein weiterer Intensivkurs in Französisch. Es folgt wieder ein Vortrag dem anderen, und mein Kaffee- und Schwarzteekonsum ist enorm. Die Landschaft um uns ist wunderschön, Klippen und windgepeitschtes Meer, wilde Regengüsse die mich an die Shetlandinseln erinnern. Le Conquet ist ein uriger Ort, wieder mit sehr gutem Essen, und die Gesellschaft von rund 80 Leuten, die alle ein Jahr voll Abenteuern vor sich sehen, ist aufregend.

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Der Hafen von Le Conquet; Foto C. Possnig ©ESA/IPEV/PNRA

Am Sonntagabend schließlich erwarten wir mit Spannung die Ankunft des Restes der Concordia-Crew.

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