Das Winterover-Syndrom

Nach dem letzten Lauf im Gym, bei dem ich zu faul war, mir einen neuen Film auszusuchen – der bereits ausgesuchte war nur auf Italienisch und ohne Untertitel verfügbar – war ich etwas stolz auf mich, erstens weil ich dank der filmischen Ablenkungen sehr schnell und noch dazu über eine Stunde lang gelaufen war, was bei unserem Sauerstoffgehalt doch beachtlich ist, wie ich mir einredete, und zweitens, weil ich trotz dem italienischen Geplapper doch den Sinn des Films verstanden hatte, wie ich mir ebenfalls einredete. Der Stolz sollte nicht lange wären.
Einigermaßen erschöpft wollte ich vor dem Verlassen des Gyms das Licht ausschalten. Ich nahm also den Telefonhörer neben dem Lichtschalter ab und starrte auf das Ziffernblatt. Es war mit doch glatt entfallen, welche Nummer ich wählen musste, um das Licht abzudrehen. Ich stand da sekundenlang und wunderte mich, bis mir auffiel, dass ich komplett auf der falschen Fährte war. Nach einigem Sinnieren über die Tiefe des Winters und die Effekte der Dunkelheit fand ich den Lichtschalter und suchte nach jemandem, dem ich die Geschichte erzählen konnte, bevor ich sie wieder vergaß.

Geistesabwesenheit und Verwirrung sind Teil des Winterover-Syndroms, eine Ansammlung an Symptomen typisch für antarktische Expeditionen. Die meisten Überwinterer erleben dieses Syndrom in unterschiedlicher Ausprägung. Erstmals beschrieben wurde es von Frederic Cook im Jahr 1900 (Cook war der Arzt der Belgica Expedition, der ersten Überwinterung in der Antarktis). Zu den weiteren Symptomen gehören Reizbarkeit, Depression, Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Aggressivität, und das Auftreten milder Trance-Zustände (auch „long-eye“ oder „Antarktisches Starren“ genannt).

Es kann also harmlose Auswirkungen haben (wie wenn man versucht, das Licht mit einem Telefon auszuschalten), andererseits führt es, wenn man 13 solcher Leute monatelang zusammensteckt, auch zu Konflikten.
Natürlich ist es übertrieben, sich jetzt vorzustellen, wir wären 13 Verwirrte, die keine Ahnung haben, wer sie sind oder wie man einen Lichtschlater betätigt. Jeder reagiert auf seine Art und Weise – das Antarktische Starren ist häufig, ebenso Schlafprobleme, Verstimmungen und eben Verwirrung. Jedoch nicht permanent.

Ausgelöst wird dieser Zustand, vermutlich, durch drei Faktoren – Isolation, Confinement, Environment (ICE. Isolation, Eingesperrtsein, Umwelt).

Seit über 100 Jahren verbringen Menschen Winter in der Antarktis. Die Stressoren sind heute ähnliche wie damals, wenn auch der Fokus ein anderer ist. Wir leben bequem in unseren Stationen, keine Sicht von Zelten, gefrorenen Schlafsäcken, keine Sorgen, dass uns der Brennstoff oder das Essen ausgeht. Wir skypen, statt Briefe zu schreiben, die Jahre später erst ankommen.
Mit neuen Technologien und Verbesserungen der Lebensbedingungen wurde als die Umwelt als Bedrohung entschärft. Stattdessen ist das soziale Umfeld der größte stressauslösende Faktor geworden. Wir verbringen hier neun Monate mit Menschen, die wir vorher nicht kannten, die wir uns nicht ausgesucht haben, und deren Reaktion auf die ICE Faktoren nicht unbedingt vorausgesagt werden kann.

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Die letzten Sonnenstrahlen am Horizont: Coline und ich gehen Ende April zum American Tower. Foto F.Calì Quaglia, © PNRA/IPEV

Zurück zum Winterover-Syndrom. Es ist eine unvermeidliche Konsequenz des Stresses, dem wir hier täglich ausgesetzt sind: Die Antarktis tendiert dazu, Ereignisse, die uns in Europa als unwichtig und mondän erschienen wären, zu großen Problemen zu verwandeln – die im schlimmsten Fall hunderte Male überdacht und somit noch viel dramatischer erlebt werden.

Die Trennung von Familie und Freunden, das Fehlen von emotionaler Unterstützung, sexuelle Deprivation, persönliche Krisen in Europa, die ein Gefühl der Machtlosigkeit hervorrufen, tragen das ihre zu den Isolations-Problemen bei.

So sehr wir aber isoliert sind von der Außenwelt, so schwierig ist es, innerhalb der Station, der Gruppe, längere Zeit allein zu sein. Die Station ist groß, aber die Anwesenheit der Anderen ist immer fühlbar. Die dünnen Wände lassen nicht viel Privatsphäre zu. Wer sich wann mit wem über was unterhält, ist bald allen bekannt. Glücklicherweise (in diesem Fall) sind nur wenige Personen hier fließend in Englisch, und so ist zumindest für mich und ein paar Vertraute das „über was“ einigermaßen geheimhaltbar, wenn notwendig.

Das Eingesperrt sein hat auch die Auswirkung, dass man schwierigen sozialen Situationen nicht (lange) entgehen kann. Kleinere Konflikte sind häufig (die Isolation bringt nicht in allen das Beste hervor), besonders in den dunklen Monaten, aber in dem Wissen, dass es nicht klug wäre, die Situation eskalieren zu lassen, stellen wir uns ihnen; und so entstehen zumindest keine größeren Dramen daraus.

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Ein Teil der Crew in der Tiefe der Nacht. Foto M.Buttu ©IPEV/PNRA

Als dritter Faktor, wenn auch inzwischen entschärft, spielt die Umwelt immer noch eine Rolle im Rahmen der Stressoren: Kälte (bis jenseits der -80°C), Dunkelheit (die Nacht dauert dreieinhalb Monate), Höhe (wir sind Dank dünner Atmosphäre auf gefühlten 3800m), niedriger Sauerstoffgehalt der Luft, extrem niedrige Luftfeuchtigkeit. Physiologische Auswirkungen gibt es viele: das Tiefschlafstadium (Stage IV Sleep) fehlt völlig (REM-Phasen sind selten), Dyspnoe und Hypoxie sind unsere ständigen Begleiter, Kopfschmerzen, Störung des 24h Rhythmus aufgrund der Lichtverhältnisse, ein unterdrücktes Immunsystem, Erythrozytose und eine unterdrückte Schilddrüsenfunktion sind nur einige.

Mehrere Studien haben belegt, dass die stärkste Ausprägung kurz nach dem Midpoint der Mission zu sehen ist, in unserem Fall in den Monaten Juli und August. Dies wird als das Dreiviertel-Phänomen bezeichnet und ist unabhängig von der Länge der Mission. Es ergibt sich aus der Tatsache, dass man realisiert, dass erst die Hälfte der Expedition vorüber ist, und dementsprechend eine genauso lange Zeit der Isolation noch vor einem liegt.

Eine Adaptation an diese Gegebenheiten besteht immer aus Kompromissen. Diese müssen geschlossen werden zwischen entgegengesetzten Prioritäten, die sich vor allem ergeben durch den Unterschied zwischen persönlichen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Gruppe. Das Ergebnis dieser Kompromisse ist hier nur selten das Bestmöglichste, sondern meisten das am wenigsten Schlimmste.

Diese Symptome sind nicht anhaltend – sie verschwinden mit dem Verlassen der Antarktis. Auf lange Dauer hat eine Überwinterung im Gegenteil meistens positive Effekte auf die Gesundheit – psychisch wie auch physisch (der positive Effekt soll umso größer sein, je extremer die umgebene Umwelt ist. Wir sollten also gut dran sein). Salutogene Effekte ergeben sich aus dem erfolgreichen Umgang mit dem hiesigen Stress.

Die dreimonatige Nacht ist Mitte August vorüber. Es ist plötzlich für wenige Stunden blendend hell und die Landschaft wirkt komplett verändert. Die lange Dunkelheit hat mir gefallen – die überwältigende Milchstraße, ein endloser Sternenhimmel, bizarre Schatten im Schnee, Sternschnuppen, ein Gefühl der Geborgenheit.
Dennoch ist es für einige von uns eine Erleichterung, viele empfanden die Abwesenheit der Sonne als eine Last und seitdem es heller wurde am Horizont, war das Licht ständiger Gesprächsstoff.

Am 11. August ist es soweit: Wir sehen, zum ersten Mal seit 05. Mai, einen Teil der Sonne überm Horizont.

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Erste Sonnenstrahlen nach über drei Monaten Finsternis, gesehen vom Dach der Station. Foto C.Possnig, ©ESA/IPEV/PNRA

Ein Gedanke zu “Das Winterover-Syndrom

  1. Pingback: Schlaflos am Südpol – Durch die Antarktische Nacht

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