Midwinter

Die Belgica Expedition begang die erste (unfreiwillige) Überwinterung in der Antarktis in 1898/1899. Ich bezweifle allerdings, dass diese bereits Midwinter feierten, da sie den Winter als „dreary, cheerless days“ erlebten und Midwinter als „the darkest day of the night; a more dismal sky and a more depressing scene could not be imagined“. Zusätzlich starb Nansen, die Schiffskatze, an diesem Tag, die festliche Stimmung dürfte eher ausgeblieben sein.

Nachgewiesen ist aber, dass während Scotts erster Antarktisexpedition, 1902, vermutlich von Shackelton initiiert, Midwinter gefeiert wurde. Seitdem ist es eine Antarktische Tradition, den 21. Juni feierlich zu begehen, und auf den meisten Stationen wird dies mit Enthusiasmus verwirklicht.

Während in Europa der längste Tag begangen wird, haben wir zwar nicht die längste Nacht – diese dauert ohnehin schon seit Mai an – aber die allerdunkelsten Stunden, und gleichzeitig den Moment, an dem sich die Sonne uns wieder nähert.

Zusätzlich ist es eine Möglichkeit, aus der Routine auszubrechen, sich zu entspannen, und als Team näher zusammenzuwachsen. Die Dauer der Festivitäten ist unterschiedlich, wir haben uns für vier Tage entschieden, 20.-23.06. . Die Vorbereitungen beginnen bereits Wochen davor und die Aufregung wird spürbar größer, je näher wir dem Datum kommen. Jeder der vier Tage hat ein anderes Thema, dafür brauchen wir Dekorationen, Kostüme, passende Menüs, Musik, Spiele und Unterhaltung. Nachdem wir ja nicht einfach ins nächste Geschäft gehen können stellen wir alles selber her. Spät des Abends brennt also Licht in der Chaudronnerie, es werden Kleider genäht, unzählige Blätter ausgeschnitten und grün bemalt, Origamitiere und Blüten gefaltet, Helme und Rüstungen geschmiedet, die Storage rooms nach Lychees und Reisnudeln durchsucht. Es ist eine wunderbare Zeit und tatsächlich gut für unser Teamgefühl: wir verbringen mehr Zeit miteinander, lernen bzw lehren neue Fertigkeiten und jeder ist beschäftigt. Am Tag der ersten Feier, als ich gerade auf einem Sessel balancierend tropische Vögel und Fischernetze auf den Plafond des Video Rooms zaubere, strahlt einer meiner Crewmates glücklich: „Es fühlt sich an wie Weihnachten.“ Und er hat Recht, genauso fühlt es sich an: 13 Kinder, die aufgeregt auf den Christbaum warten.

Die Stimmung ist in den Tagen davor wunderbar, wir haben ein gemeinsames Ziel, jeder ist daran interessiert diese Woche zu einem Erfolg zu machen.

Wir beginnen die Festlichkeiten mit der Dekoration des Living Rooms: er wird in einen Dschungel verwandelt, inklusive exotischen Tieren, Lianen und hunderten von Papier und Kartonblättern. Das Ganze gefällt uns so gut, dass wir es nicht wieder abbauen.

Am Mittwoch beginnen wir mit einem Tropische Insel-Abend. Unser Video Room wird entsprechend umdekoriert: Ein Fischernetz (vormals Badmintonnetz) bedeckt eine Wand, darunter eine Strandbar mit fruchtigen Cocktails, an eine weitere Wand projizieren wir Videos von Strand und Meer, zwei Fontänen plätschern vor sich hin, man kann auf Matratzen unter Palmen liegen, ein Schokoladenfondue sorgt für leibliches Wohl und kubanische Musik spielt im Hintergrund. Es gibt ein Luftballonbeachvolleyballturnier, Sunset-Lampen sorgen für angenehme Atmosphäre und wir heizen den Raum um Bikinis und Badehosen tragen zu können. Schließlich, spät des Abends, sitzen wir um ein (unechtes) Lagerfeuer, erzählen Geschichten und schlafen dann langsam rundherum unter den Palmen ein, das Rauschen der Wellen noch in den Ohren.

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Strand, Bar, Palmen. Foto M.Baricevic ©PNRA/IPEV

Der Donnerstag startet mit einem Brunch, und dann steht eine (bereits traditionelle) Miss Concordia Wahl an. Die Männer verkleiden sich als elegante Damen und kämpfen um den Titel, die Frauen als ebenfalls elegante Männer spielen die Jury. Es gibt diverse Tests um motorische und sprachliche Fertigkeiten zu testen.

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die strenge Jury: Coline und Carmen, Foto C.Verseux, ©PNRA/IPEV

Am Freitag, nach einem Crepe-Brunch, haben wir ein Skype Meeting mit der französischen Crew in Durmont d’Urville. Am Abend findet der traditionelle Gallier vs Römer Abend statt – größtenteils verkleiden sich die Franzosen als Gallier, die Italiener als Römer. Alberto hält eine Ansprache auf Latein, zu dem Wildschwein-Festmahl gibt es verschiedene Spiele und als Abschluss einen Asterixfilm.

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Gallier vs Römer, Foto A.Razeto ©PNRA/IPEV

Der Samstag ist unser letzter Tag, und wir schließen ihn ab mit einem Cabaret-Spektakel-Abend. Es gibt ein Candlelight Dinner und währenddessen Unterhaltung, geplant von den einzelnen Crewmembern – Musik, Quizes, Gesang und diverse Spiele zwischen den Gängen. Einen besonderen Dresscode gibt es ebenfalls: Chic et choc – ein elegantes Outfit mit einem schockierenden Detail.

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Dinner im Kerzenlicht als Höhepunkt der Midwinter-Feiern; Foto A.Razeto ©PNRA/IPEV

Ebenfalls Tradition ist es, dass die antarktischen Stationen sich gegenseitig (elektronische) Postkarten schicken. Wir erhalten also während der ganzen Woche Dutzende von Postkarten, meistens mit Gruppenfotos, und sehen zum ersten Mal, wer da sonst noch so den Winter ausharrt.

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Midwintergrüße aus Concordia; Foto M.Buttu ©PNRA/IPEV

 

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